Also, was hat cruisen bedeutet, ja, cruising, war eine unheimliche Möglichkeit, hat eine Nische gebildet für die sexuelle Freiheit der schwulen Männer in West -Berlin, weil, als ich die ersten Male in die Bars gegangen bin, in die Diskotheken, war das noch so, dass man klingeln musste, dass also kein öffentlicher Zutritt zu diesen Bars, Diskotheken gewesen ist, von außen alles mit schwarz, dass man von außen nicht nach innen reingucken konnte.
So war das noch! Es gab ja auch noch den Paragraf 175 also das wurde ja unter Strafe gestellt, und die Schwulen sind dadurch selbstbewusster geworden und haben quasi ihre sexuelle Freiheit ausgelebt, die sie ja wollten.
Wie gesagt, entweder kam es zu einer sexuellen Handlung direkt in einer Toilette vor dem Laden oder, wie gesagt, im Tiergarten und dann auf öffentlichen Toiletten, weil es ging ja so weit, dass es sogar die Telefonnummern, die Festnetznummern, an die Kacheln geschrieben worden sind, pornografische Zeichnungen, versaute Texte.
Also, das war Graffiti für die Schwulen, das war einfach wunderbar.
…1974, als ich das erste Mal cruisen war, so entstanden…
es gab ja nur Bars und schwule Diskotheken, nicht so wie heute, Darkrooms oder das Internet, und das hieß also, wenn ich morgens um fünf in einer Schwulenbar niemand abbekommen habe, oder es sollte schnell gehen, dann gab es auch einen schnellen Toilettenfick.
Ist man dann zum Cruisen in den Tiergarten gefahren, in West- -Berlin oder in Ostberlin, nach Friedrichshain, oder eben auf den öffentlichen Toiletten, wo dann auch dieser Lochverkehr eingeführt worden ist, indem man die Wände aufgehebelt hat, um dort das Geschlechtsteil durchzustecken und sich dann zu befriedigen.
…Klar war ich oft auf Klappen, weil ich daraus auch eine Bestätigung bekommen habe, weil ich dann nachher das interessant fand, neue Leute kennenzulernen, zum Beispiel jetzt nicht in der Bar oder in einer schwulen Diskothek, und weil die Vielfalt auch voll interessant gewesen ist.
Also, das war ja wirklich vom Schüler, Studenten, Heterosexuellen, Bi-Menschen, natürlich auch die Hardcore-Lederschwulen, Rentner und so weiter, und das war schon interessant, weil die, da hatte man ja nicht die Möglichkeit, die zum Beispiel abends an der Bar zu lernen.
Auch normale Ehemänner waren dort, die dann ihre Homosexualität unterdrückt haben, und das war einfach spannend.
Also, ich habe da ganz tolle Menschen kennengelernt.
…Naja, es gab ja zu wenige Möglichkeiten, sich sexuell auszuleben.
Es gab ja noch kein Internet.
Es gab die Siegessäule.
Da waren private Kontaktanzeigen mit vielleicht Festnetznummern, aber auf den Klappen, das hatte ich ja schon angesprochen.
Da haben dann, was sehr mutig gewesen ist, Schwule haben dann quasi Kontaktanzeigen auf die Kacheln geschrieben.
Ich habe diesen Fetisch oder bin dann und dann da, liebe SM oder dies oder jenes, und so konnte man Kontakt aufnehmen.
Man wollte eigentlich seine Sexualität ausleben, obwohl es ja eigentlich falsch war, weil es gehört ja noch viel mehr dazu als der Sex.
So war das.
…Ja, 1985 sind ja die ersten Fälle von HIV hier in Westberlin und in Deutschland rübergeschwappt aus Amerika, und das Cruisen gab es ja schon viel früher.
Es wurde dann eingeschränkt durch HIV und Aids, weil man das unterbinden wollte.
Deswegen hatte der Senat von Berlin beschlossen, dass alle öffentlichen Toiletten, was ja heute…
es gibt ja so gut wie keine öffentlichen Toiletten mehr, geschlossen werden sollten.
Selbst die drei schwulen Saunen, die es in West-Berlin gab, sollten geschlossen werden.
Dagegen haben wir ja gekämpft, indem wir Kondome verteilt haben und auch auf die Straße gegangen sind.
Also, das hat nicht stattgefunden.
Aber nach und nach wurden die Klappen geschlossen, abgebaut oder auch im Tiergarten an der Löwenbrücke das Unterholz gekürzt, sodass man im Busch nicht mehr frei Sex machen konnte, weil es nicht versteckt war, sondern weil andere Leute dann zugucken konnten, also Mütter, die mit ihren Kindern durch den Tiergarten gefahren sind, und so weiter und so fort.
…Dadurch, dass es ja die Klappen nicht mehr gab und sich das sexuelle Verhalten auf den Kiez total radikal verändert hat.
Wie gesagt, als ich noch…
da war, ich 15 und halb das erste Mal in der Schwulenszene in Westberlin war, gab es ja noch schwule Diskotheken, Bars, und dadurch, dass es dann auch mehr zum Fetisch rübergeschwappt ist, sind die Darkrooms, die anonymen Darkrooms, entstanden, um schnell nur seinen Trieb zu befriedigen.
Also, es kommt ja nicht mehr darauf an, jemanden kennenzulernen, dass daraus vielleicht eine Freundschaft, entsteht, sondern HIV und AIDS hat ja unheimlich viel in der Schwulenszene für Unsicherheit gesorgt, und da ist ja eine ganze Generation weggebrochen, und es geht einfach nur noch um den Trieb.